* Artikel "Vernunft ist offenbar nicht meine Stärke!"

* Artikel 'Ich bin ein privilegierter Mensch'


Flöte aktuell 1/2019

Offizielle Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Flöte e. V.

ULRICH HALDER - BIOLOGE, NATURSCHÜTZER, FLÖTENSAMMLER

INTERVIEW: LUCIE BROTBEK PROCHASKOVA, FLÖTISTIN, BASEL


L.B.: Ueli, Dir gehört eine einzigartige Sammlung historischer Querflöten, wohl die grösste in der Schweiz. Seit wir uns vor zwölf Jahren kennengelernt haben, weiss ich, dass die Flöte Deine Passion ist, nicht aber Dein Beruf. Wie bist Du zur Flöte gekommen?

U.H. Die Flöte war das Lieblingsinstrument meiner Mutter, die ansonsten Klavier spielte – also begann Klein-Ueli mit 10 Jahren Flöte zu lernen. Während der Gymnasialzeit erhielt ich Unterricht bei Jean Poulain am Konserva- torium Zürich und durfte als jüngster Teilnehmer am ersten Meisterkurs von Marcel Moyse in der Schweiz teilnehmen. Später bildete ich mich in Basel bei Bernhard Batschelet und Wendy Quinlan weiter. Zu meinen musikalischen Vorbildern gehörten damals Peter Lukas Graf, Günter Rumpel und Aurèle Nicolet, dessen Bassflöte ich heute in meiner Sammlung habe. Ich erreichte ein ganz anständiges Niveau, aber entschied mich dennoch zum Studium meiner zweiten Passion, der Biologie. So habe ich mein ganzes Berufsleben mit grosser Befriedigung dem Natur- und Umweltschutz gewidmet, u.a. als Chef des WWF Schweiz und als Gründungsdirektor des Aargauischen Naturmuseums NATURAMA. Aber in dieser ganzen Zeit pflegte ich das Flötenspiel als ernsthaftes Hobby. Diesen Entscheid habe ich nie bereut.

L.B.: Wo überall während Deinem Berufsleben als Biologe hat Dich denn die Flöte begleitet?

U.H.: Nun, sie hat mich mein ganzes Leben lang und fast überall hin begleitet. So etwa in den Dschungel von Java, wo ich für meine Doktorarbeit eineinhalb Jahre lang eine seltene Wildrinder-Art erforschte. Oder auf die ausgedehnten Segeltörns, die ich zusammen mit meiner Frau in der Adria und dem Ionischen Meer unternahm. Gut gibt es wasserfeste Plastikflöten!

L.B.: Wie bist Du eigentlich vom hauptamtlichen Umweltschützer zum leidenschaftlichen Flötensammler geworden?

U.H.: Vor etwa 20 Jahren hörte ich zum ersten Mal wirklich bewusst eine barocke Traversflöte und war sogleich fasziniert von ihrem unvergleichlich warmen und dunklen Klang. An der Schola Cantorum Basiliensis nahm ich dann während fünf Jahren Traverso-Unterricht bei Liane Ehlich und besuchte Kurse bei Lisa Beznosiuk, Rahel Brown, Barthold Kuijken und Marten Roos. Gleichzeitig begann ich mich mit der faszinierenden Geschichte der (Quer-)Flöte zu befassen. Es gibt wohl kein anderes Musikinstrument der Menschheit, das seit seinen Anfängen als Knochenflöte vor rund 40‘000 Jahren bis zur heutigen Böhmflöte eine derart tiefgreifende Entwicklung durchlaufen hat.

L.B.: Viele Musiker, namentlich in Basel, beschäftigen sich mit alter Musik, ohne dass sie auch Instrumente sammeln. Was hat bei Dir den Impuls zum Sammeln gegeben?

U.H.: Mich hat von Anfang an die Entwicklung des Klangideals durch die Jahrhunderte interessiert – eine barocke Flöte tönt ja ganz anders als ein Instrument aus der Klassik oder Romantik, nicht zu sprechen von der modernen Böhmflöte. Diese Klangvielfalt fusst natürlich auf einer entsprechenden Vielzahl an Flötentypen. Diese Instrumente mit ihren unterschiedlichen Mensuren, Materialien, Klappensystemen und Stimmungen zu studieren, zu vergleichen und vor allem selbst zu spielen, gaben den Anstoss zur eigenen Sammlung.

L.B.: Genau das scheint mir der grundsätzliche Unterschied zu anderen Flötensammlungen zu sein. In den meisten Museen ruhen die Instrumente doch totenstill in ihren Vitrinen, und man getraut sich kaum zu atmen, weil die Atemfeuchte die Exponate beschädigen könnte. Aber auf Deinen alten Flöten darf man spielen! Hast du denn keine Angst, dass sie darunter leiden?

U.H.: Tatsächlich, manche Museen erinnern mich mehr an Leichenschauhäuser als an lebendige, erlebnisreiche Bildungsstätten… Musikinstrumente wurden dafür geschaffen, Töne zu erzeugen. Dazu sollen sie bei mir auch als historische Objekte noch fähig sein. Meine Erfahrung zeigt, dass bei sorgsamem Umgang auch die heiklen Holzblasinstrumente ohne unverantwortliches Risiko gespielt werden können. Es gibt weltweit sicher manche öffentlichen und privaten Flötensammlungen, die an Zahl und Seltenheit ihrer Objekte viel umfangreicher sind als die meine. Aber wie Du richtig gesagt hast: Meine Instrumente können und sollen gespielt werden. Nur so bleiben sie lebendig.

L.B.: Wie viele Flöten umfasst denn Deine Sammlung? Du sammelst ja erst seit 15 Jahren.

U.H.: Es sind zur Zeit rund 280 Instrumente, aber eine Sammlung ist in der Regel nie abgeschlossen. Von all diesen Flöten sind etwa 200 wirklich sammlungswürdig und meist auch spielfähig; die restlichen – ‚Dutzendware‘ und oft in schlechtem Zustand – liegen im Depot. Manche Flöten habe ich nur als Kopien, weil entsprechende Originale nicht mehr erhältlich sind. So existieren auf der ganzen Welt gerade noch 50 Renaissanceflöten aus dem 16./17. Jahrhundert, und diese sind gottlob alle gut verwahrt. Auch barocke Flöten aus dem frühen 18. Jahrhundert sind in vernünftigem Zustand und zu erschwinglichem Preis nur noch selten zu finden. Ich bin glücklich, eine kleine Zahl von spielfähigen Barockflöten aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zu besitzen. Mein ältestes datiertes Original stammt von 1777, also aus der klassischen Epoche, und entstand in der Werkstatt des berühmten Instrumentenbauers Richard Potter in London. Es wurde übrigens für Linkshänder gebaut!

L.B.: Folgst Du beim Sammeln einem bestimmten Konzept, oder nimmst Du, was Du gerade findest?

U.H.: Am Anfang erwarb ich, was mir irgendwie interessant und bezahlbar schien. Aber mit zunehmendem Fachwissen - und schrumpfendem Geldbeutel - wird man natürlich wählerischer. Ich setzte mir zum Ziel, von allen wichtigen Entwicklungsschritten in der Geschichte der Flöte möglichst ein originales und spielfähiges Exemplar zu besitzen und auch selbst spielen zu können.

L.B.: Bevor wir weiter über Flöten fachsimpeln, möchte ich kurz auf Deine Website ( www.flautorama.ch ) eingehen. Sie ist derart umfassend und man erfährt durch die Beschreibungen, Fotos und Klangbeispiele so viel Wissenswertes über Flöten, wie ich es anderswo noch kaum gesehen habe. Da steckt doch unglaublich viel Arbeit dahinter?

U.H.: Ja, es ist tatsächlich viel Aufwand, besonders für einen PC-Dummy wie mich. Und die Arbeit ist nie fertig. So bin ich daran, zu den aktuell über 100 Klangbeispielen noch weitere einzuspielen, und zur englischen Sprachversion ist kürzlich auch noch eine französische gekommen. Seit ich pensioniert bin, finde ich die nötige Zeit dazu – die Flöte ist schon fast zu meiner Profession geworden.

L.B.: Könntest Du mir vielleicht einige Besonderheiten aus Deiner Sammlung nennen?

U.H.: Tja, wo soll ich da beginnen? Vielleicht folgen wir am besten der Herkunft der Instrumente, denn englische, französische, deutsche, österreichische und italienische Flöten unterschieden sich bis anfangs des 20. Jahrhunderts ganz wesentlich in Baustil und Klang. Erst der Durchbruch des Böhm-Systems gegen Ende des 19. Jahrhunderts brachte eine zunehmende Uniformierung der Bauweise und seit den 1950er Jahren leider auch des Klangbildes mit sich.

Die französischen Flöten zu Beginn des 19. Jahrhunderts – etwa jene aus der Werkstatt von Clair Godfroy ainé, aber auch jene von Nonon oder Bellissent, um nur einige wenige zu nennen, zeichnen sich durch einen ausgesprochen schlanken und süssen Klang aus. Godfroys Schwiegersohn Louis Lot gehörte zu den ersten, welche das neue System von Theobald Boehm von 1832 und 1847 umsetzten. Lots Design der zylindrischen Metallflöte mit perforierten Klappendeckeln hat sich ja bis heute kaum mehr verändert, aber der Klang seiner frühen Instrumente – wie auch jene seiner Kollegen Bonneville, Barbier, Rive, Lebret und anderen - ist von einer Souplesse, wie wir sie heute kaum mehr kennen. Und natürlich wäre da als Besonderheit auch noch die ‚Prestigeflöte‘ aus Kristallglas von Claude Laurent zu erwähnen.

L.B.: Was, eine Flöte aus Glas?

U.H.: Sicher, spiel sie mal, sie hat einen erstaunlich kräftigen und eher dunklen Ton. Vom gleichen Hersteller habe ich übrigens auch noch ein besonders seltenes Glas-Piccolo gefunden!

Aus Deutschland sind aus meiner Sammlung neben einer Originalflöte von Boehm & Mendler viele klassische und romantische Instrumente zu nennen, etwa aus den Werkstätten von Greve, Bühner & Keller, Liebel und Meyer – und nicht zu vergessen die 'Reformflöten' von Schwedler-Kruspe und Mönnig, welche sich neben dem Böhm-System bis in die 1920er Jahre halten konnten. Aus dem alten Österreich-Ungarn, genauer aus Wien, stammen die seinerzeit hoch geschätzten Instrumente der Manufakturen von Koch und Ziegler. Ihr Konzept – eine steil verlaufende konische Bohrung, zahlreiche und oft speziell gestaltete Klappen sowie ein langer Fussteil mit Tönen bis tief H oder gar bis G – wurde später oft auch von italienischen Produzenten übernommen.

In London schliesslich entstanden im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert in vielen Werkstätten oftmals hervorragende, im Fall des bereits genannten Richard Potter zudem höchst innovative Flöten mit gradiertem Stimmzug, im Kopfstück eingelegtem Metallrohr und neuartigen Metallpolstern. Später dominierte die Firma Rudall, Rose & Carte mit ihrer breiten Palette unterschiedlicher Flötenmodelle den Markt weit über England hinaus, bis auch sie nach dem 2. Weltkrieg der Übermacht der asiatischen Produzenten unterlag. – Es gäbe noch viel aufzuzählen, aber ich denke, meine Website gibt einen recht guten Einblick in die Sammlung.

L.B.: Es gab in der Evolution der Flöte so viele Versuche mit verschiedenen Bohrungen, Anordnung der Tonlöcher und Zahl der Klappen, mit unterschiedlichen Griffweisen und Materialien. Bestimmt führten manche dieser Entwicklungen auch in eine Sackgasse?

U.H.: Ja, aus der heutigen 'Böhm-geprägten' Sicht schon. Manche Flötenbauer wollten natürlich die Konkurrenz mit Innovationen übertrumpfen, aber Vieles hat sich auf die Länge nicht bewährt. Schlussendlich entscheiden die Flötist/innen ja selber, was ihnen sinnvoll erscheint, und was nicht.

L.B.: Ich fürchte, dann müssten wir zu diesen ‚Misserfolgen‘ auch Theobald Boehms offene Gis-Klappe zählen? Ich kenne persönlich einige Flötisten, die aus Überzeugung nur solche Instrumente spielen. Im Gegensatz zum heute üblichen geschlossenen Gis hat eine Flöte mit offen Gis ein Tonloch, eine Klappe, ein Dichteproblem und etwas Gewicht weniger, erzeugt erst noch eine logischere Grifffolge, hat akustische Vorteile und eliminiert das Dilemma, ob man eine Flöte mit oder ohne E-Mechanik wählen soll, weil das E3 bereits eine gute Ansprache und Intonation hat. Trotz dieser vielen Vorteile hat sich die offene Gis-Klappe aber nicht durchgesetzt. Warum eigentlich?

U.H.: Das hat sich Theobald Boehm auch gefragt und sich auch gründlich geärgert darüber. Aber das geschlossene Gis entspricht eben der herkömmlichen Griffweise auf der alten Mehrklappenflöte, und liebgewordene Gewohnheiten gibt halt niemand gerne auf, auch die Flötisten nicht. Leider wird die 1838 vom Pariser Flötisten Louis Dorus entwickelte sog. Dorus-Gisklappe nicht mehr angeboten, welche ohne zusätzliches Tonloch und mit herkömmlicher Griffweise auskam. Auf den frühesten Böhmflöten wurde sie noch verwendet, bald aber vom geschlossenen Gis verdrängt. Jedenfalls empfehle ich allen Flötisten, mal ein Instrument mit offenem Gis zu spielen und den Unterschied zu erfahren. Überhaupt ist es mir ein Anliegen, dass möglichst viele Profis und Amateure erkennen, wie vielfältig die Klanglandschaft der Flöten ist, wenn man sich nicht nur mit den heutigen, auf leichte Ansprache und maximale Lautstärke getrimmten Instrumente zufrieden gibt.

L.B.: Wo hast Du eigentlich alle Deine Instrumente her?

U.H.: Die ersten fand ich bei einem Trödler hier in Basel, der mir eine grosse Kiste voller ungeordneter und meist defekter Flötenteile vorsetzte. Bis heute erwerbe ich Instrumente gelegentlich im Internet und beteilige mich an Auktionen bei eBay. Zudem kennt man sich im kleinen Kreis der ‚Flöten-Freaks’ persönlich und tauscht sich über verfügbare Instrumente aus. So konnte ich vor einigen Jahren die Samm- lung der Basler Flötisten Joseph und Charles-Joseph Bopp (Vater und Sohn) übernehmen. Darunter befanden sich rund 50 wertvolle Flöten, die meine Sammlung ideal ergänzten.

L.B.: Viele Sammler halten sich und ihre Schätze eher bedeckt. Das ist bei Dir aber nicht der Fall?

U.H.: Nein. Natürlich sammle, recherchiere und spiele ich in erster Linie zu meinem eigenen Vergnügen, aber ich teile dieses auch gerne mit andern. Erst kürzlich reiste ein Kollege schon frühmorgens aus München an, um ein ganz bestimmtes Instrument genauer studieren und anspielen zu können, und fuhr zwei Stunden später zufrieden wieder heim. So viel Leidenschaft macht auch mir Freude! Zudem ist es natürlich spannend, im internationalen Netzwerk der Flötenexperten und Instrumentensammler mitzuwirken. Dazu gehört auch die Gesellschaft der Freunde Alter Musikinstrumente (GEFAM), deren Vorsitz ich in den letzten 10 Jahren führte (www.gefam.ch).

L.B.: Leihst Du Deine Instrumente auch aus?

U.H.: Ja, durchaus. Aber nur für besondere Anlässe, welche die Verwendung originaler historischer Flöten erfordern, wie etwa Konzerte, CD-Einspielungen oder Studien im Rahmen der historisch informierten Aufführungspraxis. In aller Regel kenne ich die Musiker/innen und habe das Vertrauen, dass sie verantwortungsvoll mit den kostbaren Instrumenten umgehen. Aber es besteht ja grundsätzlich auch die Möglichkeit, die Instrumente bei einem Besuch hier näher anzusehen und anzuspielen. Und schliesslich steht die Website allen und jederzeit zur Verfügung.

L.B.: Meine letzte Frage: Wie siehst Du die Zukunft Deiner Sammlung?

U.H.: Das ist die Frage, welche viele Sammler möglichst lange verdrängen! Was geschieht mit meinen Schätzen, wenn ich mich einmal nicht mehr um sie kümmern kann? Natürlich möchte ich, dass meine Instrumente als Studiensammlung beisammen und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich bleiben. Hierfür würde sich ein aufgeschlossenes Museum, eine Hochschule oder eine ähnliche Institution am ehesten eignen. Erste Sondierungen in der ‚Musikstadt‘ Basel blieben bisher leider erfolglos – die Furcht vor administrativem und finanziellem Aufwand überwog offenbar die gebotene Chance. Aber jetzt zeichnet sich eine gute Lösung in einer anderen Stadt ab. So schnell werfe ich die Fl…öte nicht ins Korn!

LUCIE BROTBEK PROCHASKOVA hat ihre Ausbildung in Prag am Konservatorium und an der Akademie der musischen Künste, weiter in Hamburg an der Hochschule für Musik und Theater und in Basel an der Schola Cantorum Basiliensis absolviert. Sie war Soloflötistin des 15-köpfigen Kammerensembles der Prager Symphoniker Musica Bohemica, sowie Soloflötistin der Internationalen Jugendphilharmonie Prag. Seit 1994 lebt sie als freischaffende Konzertflötistin in Basel und ist Gründungsmitglied des Klaviertrios der tschechischen Philharmoniker Amalia.

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