Ueli Halder gestorben


Am 6. Januar 2021 ist Ueli Halder völlig unerwartet gestorben. Wie er es wünschte, kommt seine Sammlung als Dauerleihgabe nach Bern ins Klingende Museum https://www.klingendes-museum-bern.ch. Die Instrumente werden in seinem Sinn gepflegt und stehen wie bisher Interessierten zur Verfügung. Auch das FLAUTORAMA bleibt als Webseite bestehen.


Familien Halder und Theresa Baerfuss anlässlich der Einweihung von Uelis Sammlung in Bern.

Nachruf

von Jörg Fiedler


Lieber Ueli, dies wird also nun der letzte Brief an Dich werden, und wieder wird es ein offener Brief. Und es wird ein trauriger.
Es ist bezeichnend, dass mein erster Impuls nicht ist, über Dich schreiben, sondern dass ich lieber coram publico direkt mit Dir reden möchte. Die ver- zweifelte Geste dabei ist deutlich zu spüren. Denn – Herrje, wie fällt das Praeteritum noch schwer:
Du warst ein Mensch, mit dem man immer viel besser redete als mailte oder gar SMS schrieb. Weil stets nicht nur ein offenes Ohr am anderen Ende war, son- dern ein grosses Herz und ein wacher Geist. All dies übersteht die Mahlgänge der elektronischen Daten- vermittlung zumeist nur verstümmelt.
Diese Gespräche, meist um GEFAM-Interna, waren wie Resonanzböden – wie wird uns das noch fehlen.
Resonanzböden sind, wie gerade wir in der GEFAM alle wissen, die Vorrichtungen, die das Fiepen und Zirpen gespannter Saiten zu brauchbaren Klänge entwickeln können, indem sie mitschwingen, auswählen, veredeln und schliesslich zurückgeben. Ich weiss, Du würdest jetzt Deine Bedeutung wieder herunterspielen. Ich weiss aber auch, wie nachdrücklich Du das Beziehungsgeflecht innerhalb der GEFAM in guter Stimmung gehal- ten hast, in aller Mehrdeutigkeit dieses Ausdrucks. Mit der Unaufdringlich- keit und selbstverständlichen Lässigkeit, die den Virtuosen kennzeichnet.
Die persönlichen hellen wie dunklen Erinnerungen gehören nicht hier hin – sie haben ihren Platz woanders, und es sind deren viele.
Doch – eine Erinnerung gehört hierher, weil sie so beispielträchtig ist: Ich erinnere mich deutlich an die Situation, als wir uns kennenlernten. Es wird jetzt knappe zwei Jahrzehnte her sein.
Es war die Rede von einem gewissen Ueli Halder gewesen – alsbald grub mein Gedächtnis auch das Gesicht dazu aus, sowie ein paar Details, was Grund und Umfeld unseres früheren Zusammentreffens gewesen war.
Vielleicht war mein Namensgedächtnis ja doch nicht so miserabel wie befürchtet…
Ich nahm also wie besprochen telefonisch Kontakt auf, knüpfte frohgemut an alte Zeiten an – und mir ist noch die Eleganz im Gedächtnis, mit der Du den Irrtum sofort realisiertest und alle Peinlichkeitsklippen gewandt um- schifftest. Wir waren uns tatsächlich nie vorher über den Weg gelaufen, auch, wenn es mir später so vorkam.
Und mein Namensgedächtnis war miserabel.
Ab jetzt wird also bei vielen Erinnerungen das Schloss mit der Aufschrift «nicht mehr…» einschnappen: Wir werden nicht mehr «mit roten Bäckchen» dem Jahresbericht bei der Generalversammlung lauschen. Wir werden uns nicht mehr im Flötisten-Kollegen-Freundes-Kreis inmitten Deiner Sammlung treffen und uns davon anstecken lassen, wie Dich die historischen und per- sönlichen Hintergründe Deiner Preziosen, Deiner Schützlinge, immer wieder in Feuer versetzen konnten. Wir werden das schlechte Gewissen vermissen, dass Du mit Deiner kaum verhohlenen Abscheu gegen alles, was elektronisch betrieben wird, Deine Dinge in besserer Ordnung hattest als wir, die wir mehr oder weniger hilflos im Netz unserer modischen Gadgets herum zappeln.
Überhaupt, Deine Aversion gegen diese stromlinienförmige Technologie war bezeichnend: Als Biologe (darf ich übersetzen: Lebens-Kundiger?) war eben das Leben Dein Metier, nicht die tausenderlei modischen Prothesen. Genau da, so war immer mein Gefühl, trafen sich die Dinge bei Dir: Die Störche, die Wölfe, die Biotope – gleichauf mit den Flöten.
Die Namen sprechen ihre klare Sprache: Auf der einen Seite das Naturmuseum Naturama in Aarau, dessen Direktor Du warst, auf der anderen Seite das Flautorama im Untergeschoss Deines Hauses, wo Du Deine Trouvaillen mit berechtigtem Stolz präsentiertest. Es ist ein kleines, aber bezeichnendes Detail: Immer schimmert bei Deinen Namensgebungen das Panorama durch, also der Überblick und der weite Horizont, der es erlaubt, die Dinge in der rechten Beziehung zueinander zu sehen. Panoramen des Lebens in seinem gegenwärtigen und historischen Reichtum.
Ich kenne Deine Abneigung gegen Sentimentalität: Es ist der honorige Reflex des in der Wolle gefärbten Naturwissenschaftlers. Ich glaube also, Dich recht zu verstehen, wenn ich denke, dass es Dir am besten gerecht wird, wenn wir uns den Blick nicht von Trauer trüben lassen. Bei aller Wehmut se- hen wir mit Erleichterung, dass es Dir noch gelang, Deine Flöten-Sammlung in die «Klingende Sammlung» in Bern zu integrieren, wo unser Kollege und Freund Adrian von Steiger seine weissbaumwollen behandschuhte Hand über sie halten wird und wo die Instrumente in Deinem Sinne weiterklingen dürfen.
Wir werden im Bewusstsein behalten, was unter Deiner Führung in der GEFAM gewachsen ist. Wir werden das von Dir wesentlich mitgepflegte und mitgeprägte menschliche und fachliche Beziehungsgeflecht weiterhin hoch schätzen und weiterentwickeln, in dem Wissen, dass es da ein gutes Stück Erbe von Dir weiterzutragen gilt.
Wir alle hätten Dir noch mehr Gelegenheit gewünscht, Deine zahlreichen Projekte weiterzuverfolgen, Deine geistigen Kinder zu betreuen und vor allem: Dein Leben in all seiner Vielfältigkeit zu geniessen.
Es hat nicht sollen sein.
Im Hinblick jedoch auf all das, was von Dir bleibt, was weiter lebt und weiter wirkt, ist mein letzter Satz aus dem Brief in der Glareana 2018/2 vielleicht doch nicht gänzlich in den Sand geschrieben: Ad multos annos – auf lange Zeit werden wir Dir immer wieder begegnen.
Deine traurige, dankbare
GEFAM (in deren Sinne der Autor Jörg Fiedler zu schreiben hofft)
Glareana 2020/2, S. 4–6 (erschienen Oktober 2021)

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